Luther in Worms

Wer kennt heute noch Ludwig Meinardus (1827-1896)? Dabei war der überzeugte Protestant zu Lebzeiten berühmt und hoch angesehen. Robert Schumann hatte dem jungen Komponisten empfohlen: „Schreiben Sie für Orchester und namentlich für Chor!“ Meinardus befolgte den Rat, doch seine drei ersten Oratorien hört man heute fast gar nicht mehr. Nur Luther in Worms, sein schon damals erfolgreichstes Werk, erlebt im Lutherjahr 2017 eine Renaissance. Wie Bachs Matthäus-Passion, die erst vom jungen Felix Mendelssohn-Bartholdy 1829 wieder zum Leben erweckt wurde, schlummerte auch dieses zweiteilige Oratorium lange Zeit im Dornröschenschlaf, sieht man von seltenen Aufführungen im 20. Jahrhundert ab. 1874 ermöglichte und leitete der erzkatholische Abbé Franz Liszt, Meinardus’ wichtigster Förderer, die umjubelte Uraufführung, danach erlebte es bis zum Ende des Jahrhunderts noch mehr als 300 Aufführungen, bis es allmählich in Vergessenheit geriet. Um noch einmal den Vergleich mit der Matthäus-Passion zu bemühen: es entsprach nicht mehr dem Geist der Zeit.

Meinardus schrieb das Oratorium, eine „geistliche Oper“, direkt nach der Gründung des Deutschen Reiches, auf Anregung von Franz Liszt. Der überzeugte Katholik Franz Liszt hatte sich gewundert, dass noch kein protestantischer Komponist aus der Biografie und dem Werk Martin Luthers ein „großartiges lebensfähiges Tonwerk“ geschaffen hatte.

 Das Oratorium zeichnet Luther als mutigen und unbeugsamen Retter. Wie in anderen bedeutenden Vokalwerken, etwa der schon erwähnten Matthäus-Passion, ist uns die Sprache heute oft fremd, zu pathetisch, hier auch zu sehr dem Nationalgedanken verpflichtet. Und doch wird Luther, entgegen dem Zeitgeist, nicht als politischer Nationalheld gefeiert, sondern hier geht es um den rebellischen Mönch, der fest an seine Sache glaubt. Zur Entstehungszeit jedoch entsprach das nationale Pathos dem allgemeinen Empfinden, und so ist das Werk nicht frei davon. Wir können es somit als interessantes Zeitdokument erleben – das durch seine großartige Musik mitreißt und begeistert.

Im Jahr 1521 wird Martin Luther vor den in Worms konferierenden Reichstag zitiert. Er soll seine 1517 veröffentlichten Thesen widerrufen. Als er sich weigert, wird er von Kaiser Karl V. mit der Reichsacht bestraft, ist also aus der Gesellschaft ausgeschlossen und damit in einer lebensgefährlichen Situation – nachdem er schon aus der Kirche verbannt und damit zur ewigen Höllenstrafe verdammt worden war.

Das ursprünglich für die Oper gedachte Libretto von Wilhelm Rossmann bleibt nah an den historischen Ereignissen, doch die heroisierende Zeitströmung ist unüberhörbar. Dem hochdramatischen Text entspricht die Musik, Meinardus bedient sich der Farben und der Möglichkeiten, die die Instrumente und vor allem die Vokalstimmen bieten. In seiner polyphonen Kompositionstechnik orientiert er sich an Bach und Mendelssohn, gestaltet sie jedoch mit romantischer Tonsprache. Jeder Figur und auch dem mehrfach auftretenden Pilgerchor ist ein Leitmotiv zugeordnet, Luther dessen eigener Choral „Ein feste Burg“. Diese Motive variiert der Komponist entsprechend der Stimmungslage und schafft so eine zweite Deutungsebene.

Meinardus setzt auch andere Luther-Choräle ein, etwa „Vom Himmel hoch“: In einer sängerisch höchst anspruchsvollen Doppelfuge werden den Anhängern Roms und den Anhängern Luthers unterschiedliche Emotionen zugewiesen und musikalisch gestaltet: Wütender Mob auf der einen Seite, triumphaler Gesang auf der anderen. Mit seinem als Cantus firmus vorgetragenen neuen Text „Der römisch Götz ist ausgetan“ klingt dieses Stück wie eine Verhöhnung der Rom-Anhänger. Trotzdem versteht das Oratorium sich nicht als Propaganda für den Protestantismus oder einen Luther als „trotzigen ‚Kraftmeier’ epischer Volksdichtung“ (Ludwig Meinardus in der Neuen Zeitschrift für Musik, 1883). Bemerkenswert ist hier auch, dass der Komponist Luthers zentrale Worte „Hier steh' ich und ich kann nicht anders, so wahr mir Gott helfe, Amen“ mit hohen Instrumenten – Flöten, Oboen, Klarinetten – ohne Bass begleitet: nicht selbstsicher, sondern eher lyrisch.

Die Zuhörer erleben neben einem farbenreichen Orchester und wunderbaren Arien vielstimmige Choralbearbeitungen: a cappella-Choräle, in denen manchmal die Sehnsucht nach Spiritualität herauszuhören ist; überwältigende und erfindungsreiche Chöre; die vor allem im 2. Teil eingesetzten und oft sehr dramatischen Doppelchöre. Der Chor ist mal Teil der Handlung, mal betrachtet er das Geschehen, entsprechend muss seine Ausstrahlung jedes Mal eine ganz andere sein. Und am Ende fragt man sich ratlos, wie ein solches Werk in der Versenkung verschwinden konnte. Wer Mendelssohns Paulus und Elias liebt, wird auch Luther in Worms lieben.

LIW

 

Ludwig Meinardus: Luther in Worms

Dienstag, 31. Oktober 2017 um 19 Uhr in der

Alten Oper Frankfurt, Opernplatz, 60313 Frankfurt

Mitwirkende:

Naroa Intxausti, Sopran

Charlotte Quadt-Kohlhepp, Mezzosopran

Michael Siemon, Tenor

Andreas Scheibner, Bass-Bariton

Philipp Meierhöfer, Bass
Frankfurter Singakademie
Philharmonisches Orchester Gießen

Gesamtleitung: Jan Hoffmann

Karten zum Preis von 37,- bzw. 49,- Euro (Schüler/Studenten/Schwerbehinderte 50% Ermäßigung) sind erhältlich über www.frankfurtticket.de und direkt an der Kasse der Alten Oper.

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